12.06.2008
Schweizer Depression in der Over-Time

Die Schweiz ist raus - Die Enttäuschung gross
Mit dem 2:1 vor Augen stürmte das Schweizer Team ins späte Verderben. In der 92. versetzte Arda dem Team von Köbi Kuhn den unverdienten Knock-out. Das EM-Aus in der "Over-Time". Die zweite Niederlage ist für die Schweizer nicht mehr zu korrigieren.
In der Schlussphase stockte den 39 730 Zuschauern in Basel der Atem. Drei Schweizer sprinteten von der Mittellinie los. Vor ihnen stand nur noch ein Verteidiger und Keeper Volkan. Der türkische Keeper parierte zunächst Yakins Schuss, ehe er auch noch Cabanas stoppte. Die letzte und entscheidende Szene beanspruchten dann aber die Türken. Müller fälschte einen Schuss von Arda (92.) unhaltbar ab. Der Mann von Galatasaray vermieste den Einheimischen die EM-Gala vollends.
Inler, Behrami oder auch Hakan Yakin erkämpften sich Vorteile und starke Momente. Yakin, der Rückkehrer, der den verletzten Captain Alex Frei grossartig vertrat, löste im St.-Jakob-Park nach etwas mehr als einer überzeugenden ersten halben Stunde eine Eruption aus. Das 1:0 beflügelte ihn. Ein paar Zentimeter fehlten ihm zwei Minuten später zur Heldenrolle. Yakin vergab die frühe Siegsicherung. Deshalb sangen die türkischen Anhänger am Schluss sarkastisch: "Auf Wiedersehen." Die einheimischen Fans waren längst in die Depression gestürzt.
Derdiyoks grosse Szene
In türkisfarbenen Trainings-Anzügen erschienen die Türken auf dem Rasen. Wenig unterschied sie in jenem Moment von den Volunteers. Stramm standen zur Hymne aber nur die Spieler. Gepfiffen wurde nicht. Kein "Gift" der fairen Zuschauer erhitzte die Atmosphäre. An den schwarzen November 2005 erinnerte nur noch die Affiche. Der sintflutartige Regen allein bewirkte eine natürliche Entspannung.
Keine gute News bekam die Öffentlichkeit bereits am frühen Morgen des Spieltags serviert. "Marco Streller -- Leistenbruch!" titelte der "Blick". Erst mit reichlicher Verzögerung bestätigte auch der Verband, was offenbar schon nach dem Abschlusstraining am Dienstagabend feststand. Streller fehlte beim wichtigsten Rendez-vous der Gruppenphase wegen akuten Leistenbeschwerden.
Eren Derdiyok, sein jugendlicher Ersatz, stand so vier Monate nach dem Debüt im Londoner Wembley unverhofft im grellen Scheinwerferlicht. Und wie er die schwierige Aufgabe am Tag vor seinem erst 20. Geburtstag bewältigte, mit welcher Coolness und Vista er den Ball nach dem Dribbling um Keeper Volkan an drei Türken vorbei zu Yakin schob, verdient höchsten Respekt. Derdiyok zeigte keine Nervenschwäche, er demonstrierte seine Qualität ohne Verzögerung.
Den letzten WM-Auftritt der Schweizer hatte Derdiyok noch am TV verfolgt. Ausserhalb der Basler Schützenmatte kannte den Mann mit türkischen Wurzeln niemand; seine sportliche Heimat waren die Old Boys, Tore schoss er bis im Sommer 2006 in der regionalen 2. Liga. Christian Gross entdeckte das Juwel vor zwei Jahren. Jetzt entdeckte Derdiyok Europa. Die kurze Reise wird leider bereits am Sonntag enden. Das Spiel gegen Portugal ist eine wertlose Derniere.
Türken temporär an der Wand
Ausgerechnet zwei türkischstämmige Schweizer drängten die Türken temporär an die Wand. Doch die Gäste befreiten sich ohne Ankündigung aus ihrer ungemütlichen Lage, weil Ludovic Magnin und die Schweizer eine Sekunde zögerten. Semih, der beste Skorer der letzten Süper-Lig-Saison, erfasste die Fehleinschätzung Magnins sofort. Der Joker traf zum Ausgleich -- und die zuvor euphorisierten Schweizer mitten ins Herz.
Der Schlag sass tief und vor allem lange. Zu lange. Den Schweizer entglitt die Kontrolle spürbar. Yakins Kräfte liessen nach. Der geflutete Untergrund zehrte an der Energie. Die Türken erspielten sich Vorteile. Und doch gehörte der Konter des Abends der Schweiz: Vonlanthen, Yakin und Cabanas vergaben den Angriff in einer 3:1-Überzahl. Die bittere Quittung für die Versäumnisse folgte in der Nachspielzeit.
Schweiz - Türkei 1:2 (1:0)
St.-Jakob-Park, Basel. -- 39 730 Zuschauer (ausverkauft). -- SR Michel (Slk). -- Tore: 32. Yakin 1:0. 57. Semih 1:1. 93. Arda 1:2.
Schweiz: Benaglio; Lichtsteiner, Müller, Senderos, Magnin; Behrami, Fernandes (76. Cabanas), Inler; Barnetta (66. Vonlanthen); Yakin (85. Gygax); Derdiyok.
Türkei: Volkan; Hamit Altintop, Emre Asik, Servet, Hakan Balta; Aurelio; Gökdeniz (46. Semih), Tunçay, Tümer (46. Topal), Arda; Nihat (85. Kazim).
Bemerkungen: Schweiz ohne Frei, Streller (beide verletzt), Türkei ohne Gökhan Zan (verletzt). 29. Pfostenkopfball von Arda. Verwarnungen: 31. Tunçay, 41. Aurelio (beide Foul), 48. Hakan Balta (Unsportlichkeit), 55. Derdiyok (Foul).
von René Baumann