19.06.2008
Jurist Bilic gegen ''Imperatör'' Terim

Slaven Bilic: Führt er seine Equipe ins Halbfinale?
Kroatien startet mit Vorteilen in den ersten Wiener EM-Viertelfinal. Nach drei Siegen in der Vorrunde (u.a. gegen Deutschland) gilt das Team von Slaven Bilic im heissblütigen Duell mit der Türkei als leichter Favorit.
Keine Personalsorgen für Bilic
Unterschiedlicher könnte der Kampf um den Verbleib in der österreichischen Hauptstadt - der Halbfinal dieser Tableauhälfte findet erneut im Ernst-Happel-Stadion statt - nicht sein. Auf der einen Seite steht Kroatien, das sich mit dem Punktemaximum im Pool mit Deutschland, Gastgeber Österreich und Polen durchsetzte. Das einen 39-jährigen Trainer hat, der in einer Akademiker-Familie aufwuchs, promovierter Jurist ist und in seiner Freizeit die Gitarre in einer Hardrock-Band zupft. Und das ohne personelle Sorgen antreten kann; die verletzten Dario Knezevic und Igor Budan gehör(t)en nicht zur Stammformation.
Terims Dernière?
Als Gegner stellt sich den Kroaten die Türkei in den Weg. In der Gruppe A schufen sich die Türken, die ebenfalls zum zweiten Mal den Einzug in den EM-Halbfinal versuchen, den Ruf der "Comeback-Helden": Mit 2:1 in der Nachspielzeit, das der Schweizer EM-Party ein abruptes Ende setzte und vor allem mit den drei Toren vom 0:2 zum 3:2 innerhalb von 15 Minuten im entscheidenden Vorrundenspiel gegen Tschechien. Trainer Fatih Terim (54) ist der Gegenpol zu Bilic. Der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Coach führt das Team getreu seinem Übernamen "Imperatör" (Herrscher) mit eiserner Hand und ohne Rücksicht auf Verluste. Im Privatgespräch mit Journalisten gibt er - wie Bilic allgemein wirkt - gerne den Charmeur und aufmerksamen Zuhörer.
''Wir geben niemals auf''
Terim schlug in seinem wohl letzten Turnier als Trainer der Türken (er soll Angebote aus diversen europäischen Spitzenligen haben) direktere Töne an. "Wir sind entschlossen, ins Endspiel zu kommen und werden kämpfen wie die Löwen", sagte er. Dass er auf die Teamstützen Volkan (Rotsperre) und Mehmet Aurelio (zwei gelbe Karten) sowie den verletzten Emre Güngör verzichten muss, kümmert Terim herzlich wenig. "Wir haben einen grossen Vorteil: Wir geben niemals auf." Ob die Blessuren von Captain Emre Belözoglu (Wade) und Verteidiger Servet (Knie) doch ernster Natur sind, wird bis eine Stunde vor Spielbeginn, wenn die Aufstellungen kommuniziert werden, nicht gewiss sein.
"Wissen selber nicht, wie sie spielen"
Mit Problemen anderer Art schlugen sich die Kroaten während der Vorbereitung auf den Viertelfinal herum. Einfach ausgedrückt wurden sie nicht schlau aus ihrem Gegner. Selbst nach diversen Videoanalysen konnten Bilic und sein Trainerstab nicht genau eruieren, welche Taktik und welches System die Türken bislang anwendeten. "Sie selbst wissen ja nicht, wie sie spielen. Je öfter ich sie sehe, desto weniger kenne und verstehe ich sie", brachte Stürmer Ivica Olic die allgemeine Meinung auf den Punkt. Bilic selber sprach von zwei Varianten: Von einer "offensiven und einer arg offensiven".
''Aargauer'' Rakitic als entscheidender Unterschied?
"Sie können euphorisch nach vorne spielen und haben einige Extra-Könner, die in jedem Spiel den Unterschied ausmachen können." Die kroatischen Medien berichteten über eine "unberechenbare, wilde Mannschaft". Genau hier könnte der Vorteil der Türken liegen. Sie wirken irgendwie nicht greifbar an dieser EM. "Das alles wird ihnen nichts helfen. Sie verlieren zu 100 Prozent", ist Ivan Rakitic. Der Aargauer, der in seinen bisherigen Einsätzen überzeugen konnte, gab wie der ebenfalls leicht angeschlagene Darijo Srna Entwarnung.
Wiens nächste EM-Party
Nach der Abreise der deutschen Fans erwartet Wien, egal wie die Partie endet, ein weiteres riesiges Fest. Die Türken stellen mit über 40´000 Menschen (mit allen eingebürgerten sind es gar 63´000) die grösste Ausländerminderheit der Stadt, die Kroaten bringen es auf etwas über 16´500. Nach den Vorrunden-Siegen der jeweiligen Teams wurde die Nacht zum Tag gemacht, Autokorsos und jubelnde, bis in die Morgenstunden lärmende Fangruppen im Beizenviertel "Bermuda-Dreieck" in der Altstadt hatten Hochkonjunktur. Dies wird auch am späten Freitagabend nicht anders werden. "Wir bereiten uns auf eine sehr, sehr lange Nacht vor", sagte ein Sprecher der Wiener Polizei folglich.
Noch immer scheinen in Österreich aber nicht alle begriffen zu haben, dass nur ein minimer Bruchteil der Supporter -- bislang gab es in zwölf EM-Tagen 53 Verhaftungen - neben Feiern auch Lust auf Schlägereien hat. Die Bezeichnung "Schlacht um Wien" im nationalen Revolverblatt "Österreich" löste allenthalben Kopfschütteln aus. Es blieb der einzige Störfaktor einer insgesamt äusserst friedlichen Atmosphäre.