
Bundestrainer Joachim Löw
Zum vierten Mal in Folge erzielte die Türkei ein spätes Tor bei der EM. Doch Deutschland traf noch später und sicherte sich so einen packenden, wenn auch nicht hochklassigen 3:2-Sieg in Basel. Die Elf von Joachim Löw steht im Finale gegen den Sieger der Begegnung zwischen Spanien und Russland, die als zweites Halbfinale in Wien ausgespielt wird.
Die Vorzeichen vor dem Derbymatch zwischen Turnierfavorit Deutschland und einer von Verletzungssorgen gebeutelten Türkei waren klar. Alles andere als ein Sieg der DFB-Elf wäre einer historischen Sensation gleichgekommen - so etwa wie die Finalpleite 1992 gegen Dänemark.
Joachim Löw vertraute der Elf, die gegen Portugal so überzeugt hatte, mit Miroslav Klose als einzigem Stürmer und zwei defensiven Mittelfeldspielern hinter Michael Ballack. Diese Rollen wurden wie schon im Viertelfinale von Simon Rolfes und Thomas Hitzlsperger ausgefüllt - womit dem angeschlagenen Torsten Frings erneut nur ein Platz auf der Bank blieb.
Letztes Aufgebot der Türkei
Fatih Terim hatte alles andere als die Qual der Wahl und musste angesichts von Verletzungen und Sperren auf Keeper Volkan Demirel, Emre Belözoglu, Nihat Kahveci, Servet Cetin, Tuncay Sanli, Emre Asik und Arda Turan verzichten. So stellte sich der verbliebene Rumpfkader der Türken fast von selbst auf. Der bisher als Joker glänzende Semih Sentürk gab die einzige Sturmspitze.
Bei angenehmen äusseren Bedingungen im Sankt Jakob-Park deutete sich zunächst eher eine deutsche Leistung wie gegen Kroatien an, und nicht so eine wie gegen Portugal. Die deutsche Elf überliess den Türken stark die Inititative und konnte ihre eher defensive Grundordnung nicht in eine stabile Abwehrleistung umsetzen. Stattdessen kam der Aussenseiter zu mehreren Chancen in der Anfangsviertelstunde.
Colin Kazims Schuss aus 20 Metern konnte von Jens Lehmann noch sicher pariert werden, aber ein riskanter Rückpass von Philipp Lahm brachte den deutschen Keeper schon eher in Bedrängnis. Und bei Kazims Volleyschuss an die Querlatte hätte der Schlussmann keine Abwehrchance gehabt, wenn der Ball etwas flacher platziert worden wäre. Als dann auch noch Semih knapp an einer Hereingabe Ugur Borals von links vorbeirutschte, mussten beim heute wieder auf der Trainerbank sitzenden Joachim Löw eigentlich die Alarmglocken läuten.
Verdiente türkische Führung
Sie werden sieben Minuten später auch noch geschrillt haben, dann war es aber schon zu spät. Denn nach einem weiteren Lattenschuss von Kazim reagierte Ugur Boral am schnellsten und drückte den Ball durch die Beine von Lehmann ins Tor.
Die türkische Führung war zu diesem Zeitpunkt hochverdient. Aber sie hielt nur für wenige Minuten an. Dann glich Deutschland nach einem Konter aus. Wie schon gegen Portugal fiel das erste deutsche Tor nach Assist von Lukas Podolski über den linken Flügel und durch Bastian Schweinsteiger. Aber heute war Poldis Vorarbeit nicht ganz so schön wie am Donnerstag (nach einem langen, hohen Anspiel quer über das Feld nahm er den Ball an), dafür aber Schweinis Abschluss umso kunstvoller, denn der Bayern-Profi schlenzte den Ball gegen die Laufrichtung platziert in die lange Ecke.
Doch die erhoffte Wende im Spiel war das nicht, denn die Türkei blieb weiterhin spielbestimmend. Das lag daran, dass es Mehmet Aurelio und seinen Mitstreitern im Mittelfeld vortrefflich gelang, Michael Ballack als Anspielstation auszuschalten - aber auch an der grossen Dynamik, mit der die türkische Offensive ihre Angriffe vortrug und an der Zaghaftigkeit, mit der die DFB-Viererkette darauf reagierte. Lehmann musste gegen Semih und Kazim erneut eingreifen, ehe Deutschland zu seiner nächsten Chance kam - bezeichnenderweise wieder nach einem Konter, wieder über Podolski auf der linken Seite. Doch diesmal konnte der Münchner seinen Lauf nicht verwerten, er sah den gut mitgelaufenen Klose nicht und setzte seinen Schuss neben das Tor.
Frings für Rolfes ab der Halbzeit
Zur zweiten Halbzeit kam dann doch Frings ins Spiel und damit eine deutsche Elf wieder auf den Platz, aus der nur Thomas Hitzlsperger nicht zum Stamm der Sommermärchenelf von 2006 gehört hatte. Zwar begann das Märchen nicht gleich mit Wiederanpfiff, doch insgesamt stand Deutschland jetzt etwas besser in der Begegnung, attackierte den Gegner früher und beherzter und machte es den Türken schwer, bei eigenem Ballbesitz Kombinationen aufzuziehen, die vor der Pause noch die deutsche Abwehr wie Butter durchschnitten hatten.
Die Türken reagierten mit grösserer Härte - unter anderem durch ein Foul von Sabri auf der Strafraumgrenze gegen Lahm, das von Schiedsrichter Massimo Busacca aus der Schweiz in bester UEFA-Tradition nicht geahndet wurde: Das fünfte KO-Spiel dieser EM war das vierte, in dem eine gravierende Fehlentscheidung der Unparteiischen den Spielausgang beeinflusste - nach Ballacks nicht erkanntem Foul vor dem 3:1 gegen Portugal und den nicht gegebenen Elfmetern für Russland und Spanien.
Busacca schien sich im Folgenden Mühe zu geben, bei unklaren Zweikampfentscheidungen eher für die Deutschen zu pfeifen - wovon sich beide Teams nichts kaufen konnten, denn eine echte Torchance sprang für eine etwas besser stehende, aber weiterhin glücklos agierende deutsche Offensive zunächst nicht heraus. Aber auch vor dem Tor von Lehmann tat sich nicht mehr so viel wie in der ersten Halbzeit, denn die Türkei spielte inzwischen viel quer, wo sie zuvor noch den Weg Richtung Tor gesucht hatte.
Busacca um Konzession bemüht
20 Minuten vor dem Ende fiel dann Kazim im deutschen Strafraum - nachdem er von Lahm am Trikot festgehalten worden war. Zwar war der Kontakt nicht sehr gravierend, aber nach den Regeln lag auch hier ein klarer Elfmeter vor, den Busacca auf dem Wege der Konzession nicht gewährte - wohl auch durch Kazims übertheatralische Reaktion davon abgeschreckt, auf den Punkt zu zeigen.
Die Türkei wurde gegen Ende des Spiels zusehends müder, aber bis zur 78. Minute konnte die DFB-Elf daraus kein Kapital schlagen. Dann kam ihnen der türkische Keeper Rüstü entgegen, der nach einem hohen Ball von der linken Seite von Lahm unmotiviert aus seinem Tor kam, obwohl zwei Abwehrspieler bei Klose waren.
Der Bayern-Goalgetter traf per Kopf ins durch Rüstü verwaiste Tor zum vermeintlichen Siegtreffer. Aber eine Oper ist nicht vorbei, bis die dicke Lady gesungen hat, und ein Fussballspiel nicht, bis die Türkei in der Kabine ist. Nach Vorarbeit von Sabri über die rechte Seite, bei der Lahm nicht gut aussah, kam Semih an den Ball und traf aus ultraspitzem Winkel an Lehmanns kurzem Pfosten vorbei zum erneuten Ausgleich in der 86. Minute.
Semihs dritter Streich
Es war das fünfte späte Tor der Türkei in diesem Turnier - doch es sollte nicht reichen. Denn nach einem schönen Pass von Hitzlsperger in die Gasse erlief sich Lahm den Ball und hämmerte ihn mit einem tollen Abschluss in den linken Torwinkel zum 3:2-Siegtreffer.
Dabei blieb es gegen nun endgültig ausgepowerte Türken, denen die Mittel fehlten, sich ein weiteres Mal auf die neue Spielsituation einzustellen. In der zweiten Halbzeit hatte die deutsche Elf leichte Vorteile, aufgrund der gesamten Spieldauer muss man aber von einem glücklichen Sieg des DFB sprechen.
Für Joachim Löw ist es in seinem ersten Turnier die erste Finalteilnahme, für Deutschland insgesamt das sechste Endspiel einer Europameisterschaft. Ob es zum vierten Titel reicht, wird davon abhängen, welche deutsche Mannschaft am Sonntag in Wien auflaufen wird.
Daniel Raecke