
Fernando Torres bedankt sich bei den Fans
Spanien zwang mit Deutschland auch das letzte Schwergewicht in die Knie: Erstmals seit 1964 gewann die "Seleccion" in Wien wieder einen EM-Titel. Torres vollendete das europäische Glück mit seinem Solo in der 33. Minute.
Drei Viertel der Zuschauer sassen in ihrer grenzenlosen Enttäuschung wie gelähmt auf ihren Plätzen. In der spanischen Kurve tanzten die neuen Champions unter gelb-roter Beflaggung. Tausendfach schallte das Olé der stolzen Spanier durch das Ernst-Happel-Stadion. Was vor knapp zweieinhalb Wochen mit einem brillanten 4:1 gegen die Russen begonnen hatte, endete mit einem hochverdienten 1:0 gegen die zähen, am Ende aber zu einfallslosen Deutschen.
Pereda und Marcelino Martinez, die beiden Siegtorschützen der 64er-Equipe, haben aus spanischer Warte endlich einen legitimen Nachfolger gefunden: Fernando Torres. "El Niño" -- das Kind, wie sie ihn auf der iberischen Halbinsel wegen seiner Sommersprossen im sanften Gesicht nennen. In der 33. Minute trug er sich ins Geschichtsbuch ein. Fabregas passte, und Torres schüttelte Philipp Lahm ab. Keeper Lehmann zögerte eine Sekunde zu lange, der spanische Top-Stürmer hob den Ball ins Tor.
Während 44 Jahren hatten die Spanier zwar kaum ein grosses Turnier verpasst, aber regelmässig jegliche Ziele verfehlt. Nur einmal, 1984 in Frankreich, erreichten sie den EM-Final, verloren aber gegen den Gastgeber 0:2. Unter dem greisen, aber unerhört weisen Luis Aragones (69) traten die EM-Stammgäste aus der ewigen Warteschlaufe und stiessen an der "Alpen-EM" zum Gipfel vor.
Das Signal und die Chancen der Spanier
Deutschlands Coach Jogi Löw setzte noch vor Ablauf einer Stunde ein unmissverständliches Signal. Der Chef-Taktiker ersetzte Abräumer Hitzlsperger mit dem um Längen offensiveren Joker Kevin Kuranyi. Mehr Chancen erspielten sich die Deutschen in veränderter Form zwar nicht, aber sie wehrten sich gegen die Niederlage.
Ein Indiz für den kräftigen Widerstand gegen die finale Niederlage war auch die zunehmende Härte auf jedem Quadratzentimeter der Rasenfläche. Mit dem Wille allein liess sich der spanische Stier aber nicht domestizieren. Und vorzuwerfen ist einigen Deutschen, unter ihnen der übermotivierte Captain Michael Ballack, dass sie ihre Energie phasenweise auf den falschen Nebenschauplätzen investierten.
Je mehr die Deutschen auf ihre Rohkraft setzten und wild, aber ohne Konzept den spanischen Abwehrverband zu bedrängen versuchten, desto eher setzten die Spanier zu blitzschnellen Breaks an. Für einmal genügte ihnen auch nur ein schemenhaft erkennbarer "One-Touch-Football", um sich in den letzten 20 Minuten Top-Chancen zu kreiern. Sergio Ramos, Iniesto und Senna verpassten das 2:0 gleich der Reihe nach.
Temporär vertauschte Rollen
In der Startviertelstunde führten die Teams alle Prognosen und Einschätzungen der Experten ad absurdum. Nicht die Spanier kombinierten in dieser Phase, sondern die Deutschen. Die Iberer operierten ohne ersichtlichen Grund und trotz fünf Mittelfeldspielern mit weiten, mehrheitlich ungenauen Pässen. Die ungewollt vertauschten Rollen behagten vor allem der "Seleccion" nicht.
Miroslav Klose -- nach einem epochalen Fehlpass -- bot sich nach knapp 180 Sekunden die Chance zum Traumstart. Der Bayern-Stürmer zögerte und entschied sich damit für die falsche Variante. Bei der zweiten guten Szene der Deutschen war Klose als Assistent erneut beteiligt. Sein smarter Rückpass blieb aber ohne Wirkung, weil Thomas Hitzlsperger in günstiger Position seine Schussstärke nicht ausspielte.
Mit erstaunlich erheblicher Verzögerung traten auch die Spanier in Erscheinung. Die Aussicht auf den ersten Titel seit 1964 raubte ihnen zu Beginn offenkundig ihre Souplesse. Selbst sie, die zuvor mit fast makelloser Bilanz durchs Turnier gestürmt waren, spürten die lähmende Anspannung des grossen internationalen Rendez-vous.
Cesc Fabregas, der für den verletzten Topskorer David Villa in die Startformation vorrückte, war einer jener Spanier, die eine unüblich lange Anlaufzeit benötigte. Sergio Ramos, der unberechenbare Aussenverteidiger, leistete ihm dabei unfreiwillig Gesellschaft. Erst als sich diese beiden spürbar steigerten, nahm das Spiel der Spanier wieder Fahrt auf.
Schleich und Schnarch
Auf dem Gebiet ihrer Kernkompetenzen fühlten sich die Südeuropäer bedeutend wohler. Ihre kurzen Pässe setzten den athletischen, aber vergleichsweise unbeweglichen Deutschen sofort mehr zu als die über 50 m geschlagenen Bälle. Vor allem mit den ansatzlosen Steilvorlagen hatten die Verteidiger der DFB-Auswahl schwer zu kämpfen.
Für die beiden Innenverteidiger Christoph Metzelder und Per Mertesacker hatte ein sarkastischer Beobachter einmal die Übernamen "Schleich" und "Schnarch" entworfen. Die Wortschöpfung entbehrt zum Nachteil der Deutschen nicht jeglicher Grundlage. Metzelder und vor allem Mertesacker fehlten auf höchstem Niveau die nötige Grundbeschleunigung.
Die wenigen, aber entscheidenden defensiven Defizite kamen Fernando Torres selbstredend zupass. Seinem Speed und seinem Timing in der Luft sind auch in der englischen Premier League nur die wenigsten Kontrahenten gewachsen. In der 23. Minute bewahrte der Innenpfosten die Deutschen vor der Rücklage, als Torres vor dem längeren Mertesacker am Ball war. 10 Minuten später holte der Liverpool-Stürmer mit dem 1:0 Verpasstes nach -- Lahm, der später verletzt ausschied, machte seinem Namen für einmal alle Ehre.
So sehr sich die Deutschen in der Folge gegen ihre dritte Final-Niederlage auflehnten, so ungestüm und unkoordinierte wirkten ihre Bemühungen. Spanien liess sich unter keinen Umständen mehr aus den Reserven locken. Mit dem Selbstvertrauen von 22 Spielen ohne Niederlage überstanden die Iberer auch die letzte Angriffslust der DFB-Auswahl. Griechenland wurde damit von einem Team abgelöst, das Fussball der modernsten Prägung zelebrierte und auch in naher Zukunft für weitere internationale Höhenflüge in Frage kommt.
von Sven Schoch, Wien