In der Schweiz feiern die Fussball-Hooligans fröhliche Urständ. Behörden fragen sich: Wie sind die Engländer dieser Landplage Herr geworden? Die Antwort: nicht wirklich. Das bewies das Ligacup-Spiel West Ham United gegen Millwall.
Die erste Anfrage kam im Juli 2008 nach dem Uhren-Cup in Grenchen. Dort war es zwischen Dortmunder und Basler Hooligans vor und während des Spiels zu Ausschreitungen gekommen. Die Gewalt bei so einem unbedeutenden Spiel sorgte für Ratlosigkeit in der Schweiz. Am nächsten Tag rief mich die Sportredaktion des Schweizer Fernsehens an und bestellte eine Reportage, die aufzeigen sollte, wie die Briten ihr Hooligan-Problem gelöst haben. Seither kriege ich immer wieder Anfragen für solche Berichte.
Viel Polizei, hohe Ticketpreise, Kameras, usw.
Wie also haben es die Engländer geschafft, ihre Hooligans in den Griff zu kriegen? Zunächst einmal werden Tickets nur nach Vorzeigen eines Ausweises verkauft. So sind die Fans nicht mehr anonym. Sie werden registriert. Weitere Massnahmen: hohe Eintrittspreise, massive Polizeipräsenz in und um die Stadien, jahrelange Stadionverbote für Delinquenten. Dazu steht auf jedem Ticket ein Strichcode, der die Drehtüre des Stadions erst in Bewegung setzt. Dadurch wird ein überfülltes Stadion wie bei der Hillsborough-Katastrophe in Sheffield 1989 unmöglich.
Die englische Polizei filmt und fotografiert jene Fans, die Probleme machen können, und zwar auch ausserhalb des Stadions. Die Beamten arbeiten mit Fanverantwortlichen des Besucherteams zusammen, sogenannten Spotters. Diese melden der Polizei ständig, wenn es irgendwo zu einer gefährlichen Situation zu kommen droht. Die Polizei schickt dann sofort Verstärkung an diese ''heissen'' Orte.
Vor ein paar Tagen kam wieder eine Anfrage einer Redak-tion. Der ''runde Tisc'h' von Sportverbänden, Bund und Kantonen beginne wieder zu tagen. Ich solle doch eine Reportage machen, die zeige, wie das Problem in England gelöst worden sei. In der Zwischenzeit hatte ich mich ''weitergebildet''. Ich hatte Meisterschaftsspiele des berüchtigten F.C. Millwall und von dessen Erzfeind West Ham United besucht. Der Millwall F.C. ist das Team aus den Docklands von London. Hier spielten früher die Hafenarbeiter. Millwall galt einst (und gilt für viele bis heute) als der Hooligan-Klub schlechthin. Inmehreren Kinofilmen (u.a. ''Hooligans'' oder ''Football Factory'') sowie zahlreichen Fernsehfilmen sind die blutigen Schlachten der ''Firm'' von Millwall verewigt. Meist kämpfen diese irren Schläger gegen die nicht weniger irre ''Green Street Elite'' von West Ham United.
Lektüre von ''Millwall for Life''
Während meines Besuchs im Stadion ''New Den'' allerdings ist die Stimmung ruhiger als an einem Kindergeburtstag. Wirklich beeindruckend nach allem, was ich gelesen und in den Hooligan-Filmen gesehen hatte. Der perfekte Ort, um zu zeigen, wie das Hooligan-Problem angepackt werden muss, dachte ich mir.
Ich plane fürs Schweizer Fernsehen vor einem Millwall-Spiel Polizei und Fans zu begleiten und zu filmen. Zuvor bereite ich mich ausführlich vor. Ich befrage Fans im Pub bei mir um die Ecke über Millwall und West Ham United und die Hooligan-Problematik. Ich schaue mir Hooligan-Filme an und lese das Buch ''Millwall for Life'' des Fans Barrie Stradling. Ich rufe den Verband der Fussball-Fans (Football Supporter Federation) an. FSF-Sekretär Mike Williamson erklärt mir nüchtern, dass es in England tatsächlich kaum mehr Gewalt in und um die Fussballstadien gebe. Allerdings würden sich die Fans gelegentlich übers Internet in Parks verabreden und sich dann dort - etwas abseits der Stadien - die Köpfe blutig schlagen. Mit den gesammelten Informationen beginne ich ein kurzes Drehbuch für meine Reportage zu schreiben und freue mich auf die Dreharbeiten.
Der 25. August 2009
Doch dann kommt der 25. August 2009. Ich geniesse die warmen August-Tage und den Start der Fussballsaison, als Millwall zum ersten Mal seit fünf Jahren für ein Ligacup-Spiel zum alten Erzfeind West Ham United reist. Die beiden Stadien in Ostlondon sind keine 5 Meilen Luftlinie voneinander entfernt. Trotz der äusserst gewalttätigen Geschichte zwischen den Hooligans der beiden Klubs hält es die Polizei nicht für nötig, ein stärkeres Aufgebot zum Upton Park zu schicken. Hooligan-Gruppen beider Lager erinnern sich an alte Rechnungen, die noch offen sind. Aus Millwall reist eine riesige ''Fan''-Armee nach West Ham. Und auch die längst tot geglaubte Hooligan-''Firm'' von West Ham steigt für diesen Anlass wieder aus der Versenkung.
Die Folge ist eine brutale Strassenschlacht. Bereits vor dem Spiel fliesst Blut. Ein 44-Jähriger wird abgestochen, er überlebt glücklicherweise. Mindestens zwanzig Personen werden verletzt. Ein Zeuge erzählt der Presse: ''Ich sah Fans, die versuchten, sich gegenseitig umzubringen.'' Laut Zeugen wurde unter anderem mit Flaschen und Ziegelsteinen auf die Gegner eingedroschen. Nach und nach schickt die Polizei Verstärkung. Am Schluss sollen angeblich tausend Polizisten im Einsatz gewesen sein.
Die Zeitung ''Evening Standard'' titelt am nächsten Tag: ''Millwall- und West-Ham-Fans kämpfen wie Tiere''. Während des Spiels wird das Spielfeld dreimal gestürmt, und das Spiel muss unterbrochen werden. Der weit gereiste West-Ham-Trainer Gianfranco Zola meint nach dem Spiel: ''Ich habe noch nie so etwas gesehen.'' Die Boulevard-Zeitung ''The Sun'' schreibt: ''Blutige Schande: Das war nicht Fussball, das war Krieg''. Dazu druckt sie die Fotos von fünfzehn Männern, welche das Spielfeld gestürmt hatten.
Ein Anwohner filmt die Schlacht der Hooligan-Gruppen vor dem Stadion von seiner Wohnung aus. Als ihn die Schläger entdecken, bedrohen sie ihn massiv. Doch er liefert seine Aufnahmen an die Fernsehstationen, wo sie von Fachleuten ausführlich analysiert werden. Aufgrund der Aufnahmen sind diese überzeugt, dass die Ausschreitungen geplant und organisiert waren. Sie machen die Anführer und Chefs aus und kommentieren deren Vorgehen im Fernsehen. Sie wirken wie Historiker, die die Schlachten des Zweiten Weltkriegs analysieren.
Bitteres Nachspiel?
Tage nach dem Spiel werden die beiden Vereine vom englischen Fussball-Verband für die Ausschreitungen verantwortlich gemacht und angeklagt. ''West Ham United hat sich in vier Punkten schuldig gemacht, seine Fans nicht unter Kontrolle gehabt zu haben. Gegen den F.C. Millwall wurde in drei Punkten Anklage erhoben'', heisst es in einem Schreiben des Verbands. Es drohen Geisterspiele ohne Zuschauer und Geldbussen.
Britische Fachleute beeilen sich, zu erklären, dass es sich bei diesen Vorfällen um ein ''One-off'' gehandelt habe, also um einen einmaligen Ausrutscher. Trotzdem könnte diese Geschichte den englischen Fussball teuer zu stehen kommen. Denn England möchte unbedingt die Fussball-Weltmeisterschaft 2018 durchführen. Und das Hauptargument der Gegner war stets die Angst vor englischen Hooligans.
Wenige Tage später sehe ich in der Zeitung, dass im Kino ein neuer Hooligan-Film anläuft: ''The Firm'' von Nick Love, dem Regisseur von ''Football Factory''. Ich setze mich ins Kino und bin nicht überrascht, dass sich die Story wieder mal um die Kämpfe der ''Firms'' von West Ham und Millwall dreht. Die Hooligans sind zurück. Auch im Kino.
Von Peter Balzli

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