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Rücktritt von Aschwanden!
Rücktritt von Aschwanden!
Hat genug gekämpft: Sergej Aschwanden

Zwei Tage nach Marcel Fischer, dem Degen-Olympiasieger von 2004, erklärte mit Judoka Sergei Aschwanden (33) ein weiterer Schweizer Weltklasse-Sportler den Rücktritt.

Mit der 28-jährigen Bielerin Lena Göldi gab am Rande der Judo-SM in Magglingen auch die Olympia-Neunte von Athen 2004 ihren Abschied bekannt. Damit sind innert Monatsfrist fünf Schweizer Aushängeschilder aus vier olympischen Sportarten zurückgetreten. Den Beginn der Rückrittswelle lancierte Eiskunstläufer Stéphane Lambiel Mitte Oktober. Die Snowboarderin Manuela Pesko und Fechter Fischer folgten.

Aschwanden und Göldi wollen sich fortan auf ihr in Magglingen begonnenes Sportstudium konzentrieren. Aschwanden nimmt auch noch das Master-Diplom im Sportmanagement ins Visier; seine Studien will er in vier Jahren in Lausanne abschliessen. Aschwanden und Göldi engagieren sich zudem als Klubtrainer im Nachwuchsbereich.

Durch den Rücktritt von Aschwanden und Göldi entsteht im Schweizer Judo eine Lücke, die in naher Zukunft kaum geschlossen werden kann. Zumindest bei den Männern scheint die Olympia-Qualifikation eines Schweizer Judokas für London 2012 (noch) kaum realistisch zu sein.

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Aschwanden blickte in Magglingen in gewohnt heiterer Art auf seine Karriere zurück, ehe ihn die Emotionen überwältigten und er -- wie unlängst Sportminister Samuel Schmid bei seiner Rücktrittsbekanntgabe -- mit wässrigen Augen die Bilanz seiner Laufbahn zog. "Dieser Sport war eine emotionale Angelegenheit mit allen Höhen und Tiefen, ein Lebens-Abenteuer. Ich begann vor 25 Jahren mit dem Judo. Zu Beginn war ich aber undiszipliniert, bis ich vor zwölf Jahren meine Zusammenarbeit mit Leo Held (Nationaltrainer von 1997 bis 2008 -- Red.) begann. Mit zu 10 Stunden trainierte ich an vereinzelten Tagen. Dank dieser Zusammenarbeit schaffte ich es nach oben. Im Vordergrund stand stets die Entwicklung und nicht das Resultat. Jetzt bin ich stolz, dass ich mich über zehn Jahre in der Weltspitze meiner jeweiligen Gewichtklasse halten konnte."

Der knapp 34-jährige Aschwanden war in diesem Jahr in Peking mit dem Gewinn von Olympia-Bronze im Limit bis 90 kg einer der grossen Schweizer Sporthelden. 2000 in Sydney und 2004 in Athen war er eine Gewichtsklasse tiefer (81 kg) jeweils nach dem ersten Kampf auf der Strecke geblieben. In Peking schaffte er mit grandiosem Kampfwillen und stählernen Nerven den nicht mehr erwarteten Olympia-Turnaround und krönte seine eindrucksvolle Karriere.

Einziger Schweizer ´Grand Slam´-Champion

Erst als dritter Schweizer Judoka nach Jürg Röthlisberger (Olympia-Bronze 1976 und Gold 1980) und Eric Hänni (Silber 1964) holte Aschwanden Edelmetall bei Olympia. Aschwanden ist zudem der einzige Schweizer Judoka, der neben einer Olympia-Medaille auch bei EM (je zweimal Gold und Bronze) und WM (Silber und Bronze) das Podest erreichte. Eine Gemeinsamkeit weist Aschwanden mit dem kürzlich zurückgetreten Fechter Marcel Fischer auf; beide durften nach ihrem grössten Erfolg jeweils bei der olympischen Schlussfeier die Schweizer Fahne tragen; Fischer 2004 in Athen, Aschwanden 2008 in Peking.

Aschwanden repräsentiert zudem auch den Sportler über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Seine Mutter stammt aus Kenia, sein Vater ist Urner. Er verbrachte seine Kindheit in Bern, lebt(e) in Magglingen und ist nun in Bussigny bei Lausanne beheimatet. Er vermag sich auf Schweizerdeutsch oder in französisch ebenso eloquent auszudrücken wie in englisch.

Tragische Schweizer Sportheldin

Die ebenfalls zurückgetretene Lena Göldi war 2003 EM-Zweite im Limit bis 57 kg. Zudem gewann sie Anfang 2007 das renommierteste Judo-Weltcup-Turnier der Welt, das WM-würdig besetzte Tournoi de Paris. Verletzungen sowie Krankheit behinderten Lena Göldi in der kurz darauf beginnenden Olympia-Qualifikation für Peking 2008. Eine zweite Olympia-Teilnahme nach Athen 2004 verpasste sie deshalb.

Lena Göldi war 2004 bei Olympia in Athen zudem die tragische Schweizer Sportheldin gewesen. Sie errang zwei Siege trotz eines Kreuzbandrisses im rechten Knie. Im Viertelfinal musste die Bernerin aber gegen die nachmalige Bronzemedaillen-Gewinnerin Yurisleidy Lupetey (Kuba), die Weltmeisterin 2001 und WM-Dritte 2003, nach rund einer Minute wegen erneutem Wegknicken des Knies aufgeben.

Die TV-Bilder und Fotos dieser Sportler-Tragödie sorgten für grosses Aufsehen. Selbst Bundesrat Samuel Schmid bedauerte damals vor Ort das abrupte Ende: "Göldi ist für ihre aufopferungsvolle Leistung nicht belohnt worden", sagte Schmid. Auch Göldi sprach bei ihrem Abschied von intensiven Emotionen und der Leidenschaft, die sie dem Judo zu verdanken habe. "Mit Sergei verbindet mich eine Freundschaft, die über 15 Jahre wuchs und Bestand haben wird."

Nationaltrainer-Rücktritt als Faktor

Der bereits vor Peking festgestandene Rücktritt von Judo-Nationaltrainer Leo Held war für Aschwanden und Göldi ein Grund mehr, auf ein Weitermachen zu verzichten. "Wenn ich nach Peking unbedingt meine Karriere hätte fortsetzen wollen, hätte ich dies unbedingt mit Leo tun wollen", betonte Aschwanden.

Doch Aschwanden stellte nach dem Bronze-Gewinn bei Olympia bald einmal fest, dass ihn die Medaille nicht zu neuen Taten anspornte, sondern den Erfolgshunger endgültig gestillt hatte. Dadurch erhielt der charismatische Sportler die Gewissheit zum Vollzug seiner Rücktritssabsichten. "Die Verletzungsgefahr wäre bei einem Weitermachen in meinem Alter grösser gewesen. Und schliesslich möchte ich mit 50 noch mit Kindern spielen können."

Aschwanden schwebt nun als eine der nächsten Herausforderungen vor, "einmal im Schweizer Fernsehen zusammen mit Rainer Maria Salzgeber das Sportpanorama zu moderieren."

Leo Held nimmt Stellung

Leo Held (von 1997 bis 2008 Schweizer Judo-Nationalrainer, jetzt in der Trainer-Ausbildung beim Bundesamt für Sport tätig): "Ich bin sehr dankbar, dass ich den Weg mit diesen beiden Athleten gehen konnte. Am prägendsten bleibt mir, wie ich Lena Göldi in Athen 2004 nach ihrer Knieverletzung von der Matte trug. Bei Sergei werde ich nie vergessen wie er mich nach dem Bronze-Gewinn in Peking umarmt hatte. Im Nachwuchsbereich gab es in diesem Jahr Medaillen bei internationalen Titelkämpfen für die Schweiz. Deshalb sind gute Zukunftsaussichten vorhanden. Entscheidender Punkt aber wird die Umsetzung bei der Elite sein. Eine Entwicklung und ein geduldiger Aufbau sind Voraussetzung für den Erfolg. Sergei hatte seine erste EM-Medaille auch erst mit 25. Auch Lena war schon 23, als sie EM-Silber gewann. Zudem ist die Konkurrenz europa- und weltweit immens. Judo ist eine Weltsportart. Über 130 Länder nehmen an Weltmeisterschaften teil."

von Richard Stoffel (Si), Magglingen

 
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