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Grimmig verteilte Höflichkeiten
Grimmig verteilte Höflichkeiten
Will es nochmals wissen: Evander Holyfield

37 Jahre nach Muhammad Ali gastiert im Zürcher Hallenstadion wieder die grosse Welt im Schwergewichts-Profiboxen. Titelverteidiger Nikolai Walujew (35) und Evander Holyfield (46) künden für den 20. Dezember im voraussichtlichen vollbesetzten Hallenstadion einen farbigen Kampf der Superlative über maximal 12 Runden um den WBA-Titel an.

Bei der ersten offiziellen Medienkonferenz im Hallenstadion erschienen die beiden Protagonisten aber ganz in schwarz; Walujew im dunklen Rollkragen-Pullover, Holyfield im gediegenen Anzug mit schwerem Ledermantel darüber. Beide wirkten vom Ausdruck her grimmig, obschon markante Worte in Richtung des Gegners ausblieben. Umrahmt wurde die Vorstellung der beiden Hauptkämpfer von eigens aus London eingeflogenen, knapp bekleideten "Cheerleaders".

Allein optisch ist es schon schwer vorstellbar, wie der 1,89 Meter grosse Herausforderer Holyfield im Ring dem WBA-Schwergewichts-Weltmeister Nikolai Walujew (2,13 m) Paroli bieten soll -- geschweige denn den russischen Giganten besiegen will. Walujews offensichtlich Vorteile sind die Körpergrösse und damit die grössere Reichweite, das Gewicht (bei rund 145 kg Wettkampfgewicht deutlich über 30 kg mehr Masse) und das Alter (elf Jahre jünger).

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Holyfield möchte mit aller Macht beweisen, dass er nicht das Auslaufmodell ist, für das ihn viele halten. "Ich möchte als erster Boxer zum fünften Mal Schwergewichts-Weltmeister werden. Das ist mein Ziel", sagt Holyfield, der in seinem letzten Kampf im Oktober 2007 in Moskau gegen den damaligen WBO-Weltmeister Sultan Ibragimow (Russ) über zwölf Runden einstimmig nach Punkten verlor.

Entsprechende medizinische Untersuchungen von Holyfield haben laut Veranstalter-Angaben allesamt ein einwandfreies Ergebnis ergeben. Dabei war Holyfield im Verlaufe seiner Karriere auch schon aus medizinischen Gründen aus dem Verkehr gezogen worden. 1994 war ihm nach der knappen WM-Niederlage im ersten von insgesamt zwei Kämpfen gegen Michael Moorer (USA) beispielsweise ein angeborener Herzfehler diagnostiziert worden. Dieser stellte sich aber wenig später und nach einer angeblichen Geistheiler-Konsultation als doch nicht so gravierend heraus. Holyfield kam bei den nächsten Tests problemlos durch und durfte im nächsten Jahr weiter boxen.

Vier letzte WM-Titel-Chancen ungenutzt

Der mittlerweile elffache Vater Holyfield begann bereits als Neunjähriger mit dem Boxen. Er war 1984 Olympia-Medaillengewinner in Los Angeles, wechselte anschliessend zu den Profi und wurde im Oktober 1990 mit einem Drittrunden-K.o.-Sieg über den ersten Mike-Tyson-Bezwinger, James Buster Douglas (USA), erstmals unangefochtener Schwergewichts-Weltmeister der drei bedeutendsten Weltverbände (IBF, WBA und WBC).

Der ursprüngliche Halbschwergewichtler aus Atlanta boxte im Verlaufe seiner weiteren Karriere gegen die Besten seiner Generation; je zweimal gegen Lennox Lewis (Gb) und Mike Tyson ("Iron-Mike" biss Holyfield im Rückkampf 1997 in Las Vegas das berühmte Ohrläppchen ab) und gar dreimal gegen Riddick Bowe (USA). Bowe ist neben James Toney (USA) der einzige Gegner von Holyfield, der es zu Stande brachte, Holyfield vorzeitig zu besiegen. Holyfield gewann einen von drei Kämpfen gegen Bowe, von dem er im November 1995 in Las Vegas in der 8. Runde durch TKO gestoppt worden war. Bowe ist auch von der Statur und Masse her jener Boxer in Holyfields Palmarès, der Walujew am nächsten kommt.

Holyfield gilt zwar als einer der besttrainiertesten Schwergewichtler aller Zeiten. Von den letzten vier Schwergewichts-WM-Titel-Chancen (Ibragimow, Chris Byrd/USA) und letzte zwei von drei Kämpfen gegen John Ruiz/USA) konnte er jedoch keine mehr zum Sieg und damit zum erneuten WM-Titelgewinn nutzen. Holyfields Kampfrekord als Profi hält bei 42:9 Siegen (27 vorzeitig, 2 Remis).

"Für mich ist Holyfield eine Legende"

Walujew (49:1, 34, ein Kampf ohne Wertung) stellte richtig, dass eine weltweit verbreitete, abschätzige Aussage über Holyfield ("ein solcher Oldie ist keine Herausfoderung") nicht von ihm selbst stammt. Sein Schwiegervater sei falsch zitiert worden. "Für mich ist Holyfield eine Legende. Ich bin froh, ihn boxen zu können. Er war ein Vorbild für mich. Vor zehn Jahren habe ich seine Kämpfe mit Bewunderung im TV verfolgt. Er ist sehr erfahren. Das macht ihn gefährlich." Auch Walujews Trainer Alexander Zimin gibt sich betont höflich: "Holyfield ist technisch und taktisch sehr versiert und kämpft sehr klug. Doch darauf sind wir vorbereitet."

Schliesslich habe sich aber Walujew in den letzten Kämpfen technisch ebenfalls entwickelt. Tatsächlich hat Walujew bezüglich Schlagrepertoire eine sichtbare Steigerung erkennen lassen. Er gewinnt die Kämpfe auf WM-Level nicht mehr allein auf Grund seiner Physis und weil er er von seinen Gegnern nicht erschüttert werden kann.

Zuletzt hatte Walujew am 30. August seinen zweiten Kampf gegen John Ruiz, gegen den er im Dezember 2005 noch umstritten den WBA-WM-Titel geholt hatte, diskussionslos einstimmig nach Punkten gewinnen können. Dadurch holte sich Walujew den WBA-WM-Titel zurück. Dieser Gürtel war für diesen Kampf für vakant erklärt worden, da Walujews früherer WM-Bezwinger Ruslan Tschagajew (Usb) das erneute Aufeinandertreffen mit dem zum Pflichterhausforderer aufgestiegenen Walujew verletzungsbedingt abgesagt hatte.

Schweizer Berufsboxkommission nicht involviert

Die Schweizer Berufsboxkommission wird bei der Durchführung dieses Box-Spektakels im Zürcher Hallenstadion allerdings freiwillig abseits stehen sein. "Wir lehnen die Verantwortung dafür ab, da in der Schweiz sowohl bei den Amateuren als auch bei den Profi die Alterslimite von 35 Jahren gilt", erklärt der Schweizer Verbandspräsident Andreas Anderegg, der einst als Schwergewichts-Profiboxer von Ali-Trainer Angelo Dundee trainiert worden war.

Angelo Dundee wiederum stand am 26. Dezember 1971 auch in der Ecke von Muhammad Ali, als der wohl grösste Boxer aller Zeiten in Zürich den europäischen Spitzenboxer Jürgen Blin (De) innert sieben Runde in einem Nicht-Titelkampf besiegte. Rund 8000 Zuschauer befanden sich damals im Hallenstadion. Ebenfalls in der gleichen Grössenordnung befand sich das Interesse beim letzten Box-WM-Kampf vom April 1997 in Zürich. Damals hatte es sich um eine WBO-WM-Revanche im Cruisergewicht zwischen Stefan Angehrn und dem damligen Titelhalter Ralf Rocchigiani (De) gehandelt.

Für den Fight zwischen Holyfield und Walujew wird wie bei den früheren K-1-Kampfsportveranstaltungen mit dem mittlerweile verstorbenen Hauptkämpfer Andy Hug oder dem Box-WM-Kampf von Fliegengewichtler Fritz Chervet im Jahre 1974 mit einem vollbesetzten Hallenstadion gerechnet. Von den rund 12 000 Tickets sind laut dem Sportvermarkter Philippe Huber, der den Kampf in die Schweiz holte, nur noch wenige Tickets in den günstigsten Kategorien erhältlich (www.ticketcorner.ch).

Ein Schweizer Profiboxer für das Vorprogramm ist bislang noch nicht verpflichtet. Vorgesehen sind in erster Linie Kämpfe von Boxern aus dem mitorganisierenden deutschen Profibox-Stall von Wilfried Sauerland.

Walujew gegen Holyfield wird der zweite Schwergewichts-WM-Kampf in der Schweiz nach Januar 2007, als in Basel Walujew seinen Titel gegen den Amerikaner Jameel McCline verteidigte (Aufgabe 3. Runde McCline wegen Knieverletzung). Zudem war vor einem Jahr in Basel auch noch IBF-Mittelgewichts-Weltmeister Arthur Abraham (Arm/De) aus dem Sauerland Profibox-Stall bei einer Titelverteidung in der Schweiz zu sehen.

"Wir wollen auch mittel- und langfristig weiterhin in der Schweiz veranstalten", betonte Boxpromoter Kalle Sauerland, der davon ausgeht, dass der Kampf in über 50 Ländern live zu sehen sein wird. Hierzulande wird der Kampfabend im ersten deutschen Fernsehen (ARD) zu sehen sein.

Über die Börsen für Holyfield und Walujew wurde Stillschweigen bewahrt. Walujew dürfte aber rund fünf Millionen Franken kassieren, Holyfield über zwei Millionen. Der Sieger der Begegnung darf sich zumindest als Kandidat für einen noch grösseren Kassenschlager betrachten; für einen Fight gegen Witali Klitschko (WBC-Weltmeister) oder Wladimir Klitschko (IBF- und WBO-Champion). Die beiden ukrainischen Brüder gelten im Schwergewicht als die derzeit stärksten Boxer.

Von Richard Stoffel (Si)

 
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