01.07.2009
21 Grand-Slam-Halbfinals hintereinander

Karlovic: ''Federer ist der Beste.''
Roger Federer steht in Wimbledon erneut im Halbfinal. Der Schweizer, der den sechsten Wimbledonsieg und den 15. Grand-Slam-Titel anstrebt, besiegte Ivo Karlovic 6:3, 7:5, 7:6 (7:3).
Federer glänzte am Viertelfinaltag. Dem Schweizer gelang gemäss Selbsteinschätzung ein "exzellentes Spiel". Bei eigenem Aufschlag geriet er nie in Gefahr, und von Karlovics Gewaltaufschlägen (bis zu 222 km/h) liess er sich nicht aus der Fassung werfen. Karlovic gewann alleine mit dem Aufschlag zwar 50 seiner 72 Punkte (gegenüber 95 von Federer). Aber er wurde schon in den ersten 57 Minuten zweimal gebreakt. In den vorangegangenen acht Partien auf englischem Rasen (4 in Queens und 4 in Wimbledon) hatte Karlovic alle Aufschlagspiele durchgebracht.
Warum schaffte Federer -- anders als Roddick (in Queens), Tsonga oder Verdasco -- die Breaks? Karlovics Antwort fiel ganz simpel aus: "Weil Federer der Beste ist -- auf Rasen noch deutlicher als auf den anderen Belägen. Ich weiss nicht, was ich besser oder anders hätte machen können."
Karlovics Komplimente an Federer in Ehren -- aber der Kroate liess sich beim ersten Auftritt in Wimbledons Centre Court in diesem Jahr beeindrucken: Zwei Sätze lang brachte er zehn Prozent weniger erste Aufschläge ins Spiel als in den Runden zuvor. Und Karlovic bekundete im Gegensatz zu Federer, der bislang all seine Einzel auf dem Centre Court und zur gleichen Zeit begonnen hatte, Schwierigkeiten mit den äusseren Bedingungen. Auf einer Seite blendete ihn die Sonne. Auf dieser Seite wurde er in den ersten fünf Aufschlagspielen zweimal gebreakt; ein Servicespiel brachte er zudem nach 0:30-Rückstand nur mit Glück durch. Beim Skore von 2:5 setzte Karlovic eine Sonnenbrille auf; im dritten Satz probierte er es wieder ohne.
Trotzdem: Die Breaks gegen den mit Abstand stärksten Aufschläger der Welt musste sich Federer verdienen. Den Durchbruch zum 3:1 im ersten Satz nach bloss neun Minuten schaffte er mit drei Return-Gewinnschlägen, die letzten zwei vom 15:30 zum Break gegen erste Aufschläge Karlovics. Auch beim zweiten Break zum 6:5 im zweiten Satz returnierte Federer (zum 15:40) einen ersten Aufschlag unerreichbar. Federer "blockte" Karlovics Aufschläge; die meisten Rückschläge schlug er sogar vor der Grundlinie.
Mit den beiden Breaks sorgte Federer für die Vorentscheidung. Der Basler beeindruckte aber nicht nur beim Return. Karlovic erspielte sich während der 102 Minuten keine Breakmöglichkeit. Von der Grundlinie aus entschied er bloss sechs Ballwechsel zu seinen Gunsten. Federer hat in mittlerweile zehn Partien gegen Karlovic 136 Aufschlagspiele (von 137) durchgebracht. Das einzige Break kassierte er vor zwei Jahren in Paris-Berçy. Federer: "Ich erinnere mich noch gut an dieses Spiel. Die Bedingungen waren damals extrem langsam, es war sehr einfach, zu einem Break zu kommen."
Karlovic bekundet nicht nur mit Federers Aufschlag erhebliche Probleme: auch gegen Andy Roddick oder Jürgen Melzer gelang ihm in fünf oder mehr Partien noch nie ein Break.
In seinem 21. Grand-Slam-Halbfinal hintereinander (!) am Freitagnachmittag trifft Roger Federer auf Tommy Haas. Gegen den Deutschen hat der Schweizer Maestro vor einem Monat in Roland-Garros beinahe verloren (Fünfsatzsieg nach einem 6:7, 5:7, 3:4-Rückstand). Seither reihte Haas bereits wieder zehn Siege hintereinander. Er gewann das Turnier in Halle mit einem Finalsieg über Novak Djokovic, und in Wimbledon doppelte Haas gestern gegen die Nummer 4 der Welt nach: 7:5, 7:6 (8:6), 4:6, 6:3. Die Vorentscheidung schaffte Tommy Haas im zweiten Satz, den er nach einem 3:6-Rückstand mit 8:6 im Tiebreak noch herumriss. Im vierten Satz schaffte der Deutsche das einzige Break zum 3:1.
Federer: "Haas hat zweimal in drei Wochen gegen Djokovic gewonnen. Also kann man sagen, dass er auf Rasen im Moment der stärkere Spieler ist. Es ist mir aber Recht, dass ich am Freitag gegen Tommy spielen kann. Er ist ein Spieler aus meiner Generation. Er überwand in den letzten Jahren viele Rückschläge. Und es gefällt mir, wenn Spieler nach schweren Verletzungen den Weg zurück schaffen."
Die dramatische Begegnung von Paris ist natürlich beiden Spielern noch bestens in Erinnerung. Federer wird diesmal versuchen, von Anfang an das Heft in die Hand zu nehmen. Und Haas macht sich keine Illusionen, geniesst die Rolle des Aussenseiters: "Mein nächster Gegner stellt eine äusserst hohe Hürde dar. Aber ich werde kämpfen und alles versuchen." Die in Paris vergebene Chance hat Haas verarbeitet. "Am Ende freute ich mich sogar riesig darüber, dass Roger auch das French Open endlich gewann."
Tennisgeschichte kann Federer auch in Wimbledon wieder schreiben: noch zwei Siege fehlen, dann wäre der Rekord von Pete Sampras mit 14 Majortiteln übertroffen.
von Rolf Bichsel (Si)