19.02.2010
Erst jetzt werden wir wirklich respektiert...
Trotz überraschenden Siegen und vereinzelten Sensationen war man bisher in Kanada eher der Meinung, die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft sei keine Turnier-Mannschaft, sondern ein sogenanntes „Cinderella-Team" für gewisse einzelne Partien. Und dies trotz den Siegen gegen Kanada und die Tschechische Republik am Olympischen Turnier 2006. Aber seit dem Punktgewinn gegen Kanada an den Olympischen Spielen von Vancouver 2010 ist der Respekt endgültig vorhanden.
Das Resultat der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft an den Olympischen Spielen in Turin 2006 sorgte in Kanada für Aufsehen und Respekt. Aber es wurde dennoch, mit Verlaub, als „Betriebsunfall gegen tapfere, talentierte Schweizer" gewertet. Nun aber haben die Kanadier gegen den gleichen Gegner erneut gelitten... und das vor eigenem Publikum.
Die Schweizer haben gezeigt, dass sie grosse Leistungen wiederholen können. Das Resultat von Vancouver 2010 ist deshalb mindestens so wichtig wie dasjenige von Turin 2006. Und jetzt werden sie erst wirklich und endgültig in Kanada als Hockeynation von Weltniveau wahrgenommen.
Noch wichtiger als Turin 2006...
Dass ein positiver Auftritt, ja gar ein positives Resultat auf kanadischem Boden in einem wichtigen Turnier stattfand, ist für das Ansehen des Schweizer Eishockeys in Nordamerika fast noch wichtiger als die Sensation mit dem 2:0-Sieg gegen Kanada von Turin 2006. Die Nordamerikaner neigen dazu, Sensationen zu beklatschen, aber ohne eine Bestätigung eher despektierlich zu behandeln. Und so wurde immerzu der Sieg der Schweizer über Kanada in Turin 2006 als „Betriebsunfall" gewertet, bei welchem Martin Gerber seine Sternstunde hatte.
Die Kommentare jetzt sind anders: Man spricht in den Medien Kanadas von einer Bestätigung der Stärke der Schweizer und auch die Live-Kommentare während der Partie in Vancouver waren ähnlich gelagert. Dass die Schweiz nun nicht mehr auf die leichte Schulter genommen wurde und dennoch in Kanada einen Punkt gegen den Gastgeber holen konnte, wurde höher gewertet als der Sieg von Turin.
Nun definitiv respektiert ...?
Ein zweites Ereignis wurde mehrfach erwähnt und gewinnt immer mehr an Bedeutung, wenn es um den gestiegenen Respekt in Kanada gegenüber dem Schweizer Eishockey geht: Die Junioren-Weltmeisterschaften 2009/10 in Saskatoon! Auch hier wieder, auf Kanadischem Boden, hatte die Schweiz überzeugt, hatte sich ins Halbfinale vorgespielt und Russland im Viertelfinale ausgeschaltet! Einige der Stars des Turniers waren unter anderem zwei Schweizer, die es sogar ins erste All Star-Team schafften: Nino Niederreiter und Goalie Benjamin Conz.
Das Jahr 2010 ist wahrscheinlich aus nordamerikanischer Brille her gesehen das beste Eishockeyjahr der Schweiz aller Zeiten. Denn nun werden Siege gegen grosse Nationen vorerst nicht mehr als „Sensationen" oder „einzelne Betriebsunfälle der Favoriten" gewertet. Sondern als ganz normale Resultate an der Spitze der Eishockey-Weltelite.
Was aber die Schweiz nach wie vor beweisen muss: In grossen Partien, wenn es um Medaillen geht, hat man bisher in der erfolgreichen Eishockey-Neuzeit seit 1998 nur bei den Junioren Erfolge gefeiert. Die „Senioren", die 1998, 2000 und 2006 durchaus hätten eine WM- oder Olympiamedaille gewinnen können, sind noch Eines schuldig geblieben: Den Killer-Instinkt auch in Viertelfinal- und Halbfinalpartien. Wer weiss, vielleicht kommt ja auch das noch?
Von Joël Wüthrich, Montreal
**Joël Wüthrich war 10 Jahre Chefredaktor der Fachpublikationen Slapshot und Top Hockey und leitet zwei crossmediale Agenturen im Print- und TV-Bereich. Der Vater einer 5-jährigen Tochter ist Crossmedia-Konzepter und Mediendozent. Er analysiert seit 20 Jahren als Autor/Chefredakteur für Fachpublikationen in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL sowie die europäischen Ligen und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der 43-jährige arbeitet in der Schweiz und in Montréal als Crossmedia Manager, Journalist und Dozent. In Montréal wohnt ein grosser Teil seiner Verwandtschaft.